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Waldmeisterschaft

Von der BSG Aktivist Karl-Marx Zwickau in die Hall of Fame des Sports

Monty Gräßler / Freie Presse am 15.12.2020

Als Handballerin Kristina Richter vor 45 Jahren mit der DDR-Weltmeisterin wurde, war es nicht ihr erster und auch nicht ihr letzter großer Titel. Neben den sportlichen Erfolgen stehen aber vor allem zwei einzigartige Auszeichnungen für eine Karriere, die gleich in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich war.

Es sind große Emotionen an diesem 13. Dezember 1975 in der Sporthalle des Pionierpalastes von Kiew: Als die sowjetischen Handballerinnen im letzten Spiel der WM durch eine 10:12-Niederlage gegen Ungarn den Titel doch noch aus der Hand geben, liegen sich die DDR-Frauen auf der Tribüne in den Armen. Das Unentschieden vom Auftaktspiel gegen die Gastgeberinnen ist damit für die ansonsten verlustpunktfrei gebliebene Mannschaft im wahrsten Sinne des Wortes Gold wert. „Das war nach der verkorksten WM zwei Jahre zuvor eine enorme Genugtuung für uns“, erinnert sich Kristina Richter.

Damals konnte keiner ahnen, dass das Turnier von 1973, als die DDR um ein Tor das Viertelfinale verpasste und als Titelverteidiger nur Neunter wurde, vorerst der einzige Höhepunkt ohne Medaille bleiben würde. Silber bei den Olympischen Spielen 1976, erfolgreiche Titelverteidigung bei der WM 1978 und Bronze bei Olympia 1980 – wann und wo auch immer die Handballerinnen auftrumpften, knallten regelmäßig auch in Zwickau die Sektkorken. Denn Kristina Richter gehörte zwar 1966 schon dem TSC Berlin an, als sie ihr erstes von sagenhaften 235 Länderspielen bestritt. Die ersten Tore hatte sie unter ihrem Mädchennamen Hochmuth aber als Jugendliche für die BSG Aktivist Karl-Marx Zwickau geworfen.

Zwischen dem Reinschnuppern in eine Mannschaft, die ihr älterer Bruder Karl nach der Schule betreute, und dem Premierenspiel für die DDR lagen keine fünf Jahre. „Ich habe mit 16 erst richtig angefangen und von der Schnelligkeit und Gewandtheit aus der Zeit als Leichtathletin profitiert“, sagt Kristina Richter.

Die 74-Jährige hat trotz aller internationaler Erfolge auch die Anfänge unter dem Zwickauer Erfolgstrainer Herbert Lang nicht vergessen. „Er hat mich aus der A-Jugend in die Frauenmannschaft hochgezogen, mit der wir dann in Aue (damals Heimhalle) den Aufstieg in die DDR-Liga perfekt gemacht haben“, erzählt sie.

Ihr großes Vorbild kam zu jener Zeit aus den eigenen Reihen: Maria Müller hatte es als erste Zwickauerin in die Nationalmannschaft geschafft. Für Kristina Richter führte der Weg in die Spitze 1965 nach Berlin. Nachdem sie beim SC Leipzig den späteren Nationaltrainer Peter Kretzschmar beim Vorspielen offenbar nicht überzeugen konnte, holte sie Kurt Lauckner nach Berlin. „Dieser Schritt ist mir nicht leichtgefallen, aber ich wollte einfach so weit oben wie möglich Handball spielen“, sagt sie. Dass ihr das nicht nur mit der Nationalmannschaft gelang, zeigt ein Blick in die Statistik: Mit dem TSC Berlin gewann Kristina Richter in den 1970-er Jahren allein dreimal den Europapokal.

Noch viel mehr als alle Medaillen und Pokale bedeuten ihr heute jedoch zwei Auszeichnungen. Denn Kristina Richter ist nicht nur die einzige Handballerin in der Hall of Fame (Ruhmeshalle) des deutschen Sports. Sie ist auch die einzige Handballerin, die eine deutsche Olympiamannschaft bei einer Eröffnungsfeier anführen durfte. Als sie während eines Trainingslagers 1980 auf dem Rabenberg im Erzgebirge das erste Mal davon hörte, dass sie für Moskau als Fahnenträgerin vorgesehen war, hielt sie das erst für den Scherz einer Mitspielerin. „Ich war nie der Typ, der groß im Vordergrund stehen wollte. Aber es macht einen natürlich stolz, wenn man ins Olympiabuch von damals schaut“, sagt die einstige Rückraumspielerin.

Mindestens genauso überrascht war die Wahl-Berlinerin mit Zwickauer Wurzeln, als sie 2016 von der Aufnahme in die Hall of Fame des deutschen Sports erfuhr. „Ich denke, dass neben den sportlichen Leistungen auch charakterliche Eigenschaften reingespielt haben“, sagt Kristina Richter. Ihr Name steht in der in Altenkirchen (Westerwald) beheimateten Ruhmeshalle neben denen von Max Schmeling, Steffi Graf oder Sven Hannawald. Insgesamt sind aktuell 117 Sportler, Trainer und Funktionäre Mitglied in der Hall of Fame.

In ihrer Heimatstadt ist die Ex-Handballerin, die mit 45 noch in der 1. Bundesliga spielte und nach ihrer aktiven Laufbahn als Trainerin tätig war, nur noch selten anzutreffen. „Bis auf eine Nichte wohnt niemand aus der Familie mehr in Zwickau“, sagt sie. Über das aktuelle Geschehen beim Zweitligisten BSV Sachsen, der ja der Nachfolger der BSG Aktivist ist, wird sie aber aus erster Hand informiert. Kein Wunder: Immerhin haben Kristina Richter und BSV-Urgestein Isabella Glaser einst ein Jahr zusammengespielt.

Kristina Richter lebt in einem kleinen Ort bei Berlin und war mit dem im April 2020 verstorbenen Radsporttrainer Dagomar Richter verheiratet. Ihr Sohn wohnt mit seiner Familie in Thüringen, die Tochter in Sachsen-Anhalt.