Souveräner Testspielerfolg gegen einen guten HC Leipzig
Souveräner Testspielerfolg gegen einen guten HC Leipzig

Am Donnerstag, dem 14. August, traf der BSV Zwickau in der Vorbereitungsphase auf die neue Saison auf den HC Leipzig. Mario Pohlers, langjähriger eingefleischter BSV-Fan aus Chemnitz, wollte sich nicht recht mit dem Begriff Testspiel anfreunden. „Für mich ist es ein Freundschaftsspiel. Es ist ein Wiedersehen mit ehemaligen Spielerinnen, wie Juliane Peter, Janine Fleischer und Lara Seidel. Außerdem stand ja unser Trainer Norman Rentsch von 2014 bis 2017 bei den Messestädterinnen an der Seitenlinie.“ Nele Kurzke, langjähriger sicherer Rückhalt in Zwickau, fehlte im Aufgebot von Leipzig.


Ungeachtet der Verbindungen aus der Vergangenheit, zeigten beide Teams vor einer trotz des hochsommerlichen Wetters erneut beeindruckenden Kulisse von 248 Zuschauern, phasenweise begeisternden Handball. Der HCL fand schneller ins Spiel. Bereits nach 28 Sekunden netzte Marlene Tucholke zum ersten Mal ein. Die Leipzigerinnen bauten die Führung durch schöne Ballstafetten und gefälliges Spiel auf 4:0 aus. Nach einigen Fehlwürfen und Pech mit Pfostentreffern gelang Lea-Sophie Walkowiak nach 5 Minuten der erste Torerfolg der Gastgeberinnen. Dass der BSV in der Anfangsphase der Partie nicht weiter in Rückstand geriet, war einer schon zu diesem Zeitpunkt erkennbaren konsequenten Abwehrarbeit zuzurechnen, die auch BSV-Chefcoach Norman Rentsch hervorhob. Sie war einer der Schwerpunkte im Trainingslager. „Heute haben wir oft mit einer offensiven 5:1-Deckung agiert, um Tucholke in 1:1-Situationen zu zwingen“, erklärte Rentsch. Die erst 17-jährige Tucholke, in der abgelaufenen Saison eine der Leistungsträgerinnen der Mannschaft, die den Titel in der 1. A-Jugend-Bundesliga holte, deutete ihr riesiges Potential an, doch mehr als 3 ihrer Tore ließ der BSV nicht zu. Einige Zuschauer im gewohnt fachkundigen Publikum wollten sogar schon Vergleiche des 1,91 m großen Supertalents mit Jungnationalspielerin Viola Leuchter anstellen.

In der 8. Minute handelte sich Kaho Nakayama eine Zweiminutenstrafe ein, worauf der erfahrene BSV-Coach mit der taktischen Variante des „empty goal“ bei eigenem Ballbesitz reagierte. Zwei Minuten später musste die Leipzigerin Pauline Uhlmann, an diesem Tag mit 4 Treffern erfolgreichste Torschützin ihres Teams, nach einer unfairen Attacke gegen Silje Petersen auf die Strafbank. Mit dem sicher verwandelten Strafwurf zum 2:5 läutete Laura Penzes die Zwickauer Aufholjagd ein. Der erstmalige Ausgleich gelang in Minute 16 durch Charlotte Kähr, die gegen Kirchhof als Vorsichtsmaßnahme noch geschont wurde, zum 5:5. HCL-Coach Erik Töpfer nahm dies zum Anlass für die erste Auszeit der Partie. Im weiteren Verlauf der Begegnung setzten sich zunächst auf beiden Seiten Ungenauigkeiten fort, so bei Tempogegenstößen oder dem letzten Pass am Kreis, wo auf Seiten der BSV-Damen manchmal die Ruhe und Präzision fehlte. Dennoch erzielte Nakayama in der 21. Minute die erstmalige Führung zum 7:6, als sie gedankenschnell eine Schlafwageneinlage der HCL-Abwehr nutzte. Sie war es auch, die 4 Minuten später beim 10:7 zu einer erstmaligen 3-Tore-Führung einnetzte. Doch Leipzig kämpfte sich heran. So sorgten u. a. ein durch Uhlmann verwandelter Siebenmeter und ein Torerfolg von Lara Seidel, die sich dreimal in die Torschützenliste eintragen konnte und durchaus zu gefallen musste, für den 10:10-Ausgleich. Ein perfekt gespielter langer Ball von Thara Sieg, die in der 20. Minute ins BSV-Tor rückte, auf Rome Severink bildete die Grundlage zur abermaligen Führung. Nach dem erneuten Ausgleich durch Uhlmann in der Schlussminute des ersten Durchgangs hatten sich alle schon mit einem Unentschieden abgefunden, als Kähr zu einem letzten direkten Freiwurf ansetzte. In beeindruckender Manier verwandelte sie diesen ins rechte obere Toreck zur umjubelten 12:11-Pausenführung.

Nach der Rückkehr aus den Kabinen eröffnete Petersen, die über weite Strecken von Hälfte eins geschont wurde, den Torreigen. In der 36. Minute kam der HCL durch Laura Klocke letztmalig zum Ausgleich. Eine Schrecksekunde ließ die Fans in der 37. Minute bangen. Charlotte Kähr blieb nach einem versuchten Torabschluss nach heftigem Kontakt mit ihrer Gegenspielerin auf dem Parkett liegen und hielt sich den linken Unterarm. Zum Glück konnte der Neuzugang aus Buxtehude gut 10 Minuten später auf die Platte zurückkehren und nach dem Spiel Entwarnung geben: „Es ist nichts Schlimmes. Ich war schon im Trainingslager leicht angeschlagen“. Mit ihrer Leistung war die sympathische Schweizer Nationalspielerin, die Spielmacherqualitäten zeigte, nicht unzufrieden: „In der Abwehr war es schon richtig gut. Aber die Effektivität bei den Abschlüssen kann ich noch verbessern“, obwohl ihr drei Tore gelangen.

Mit schnellen Treffern zogen die Zwickauerinnen bis zur 39. Minute zu einer erstmaligen 3-Tore-Führung auf 16:13 davon, die Walkowiak markierte. In dieser Phase des Spiels variierte der BSV geschickt und überraschend mit Positionswechseln in der Angriffsformation, wodurch er für die Gäste noch schwerer ausrechenbar wurde. Erneut Walkowiak, fünffache Torschützin an diesem Abend, stellte beim 21:17 auf „4 vor“. In der 49. Minute verdiente sich die erneut überragende Barbara Györi im Tor des BSV einen Sonderapplaus, als sie mit einer Monsterparade gegen Jana Walther ein Gegentor verhinderte, indem sie den Versuch eines Lupfers spektakulär abfing. Walther traute sich in der Folge keinen Abschlussversuch mehr zu.

Beim BSV rollte jetzt die Angriffsmaschine. Tempogegenstöße wurden konsequent ausgespielt. Im Gegensatz zur letzten Saison, wo gegen Ende der Partie der „Tank“ oft leer schien, erfreuten sich die einheimischen Fans an Superaktionen ihrer Mannschaft. Wieder war es Walkowiak, die auf fünf Tore Vorsprung ausbaute (24:19). „Lea Walkowiak hat sich über die letzten Spiele schön gesteigert. Mir hat sie heute sehr gut gefallen. Aber auch Leipzig hat mit viel Tempo überzeugt“, resümierte die extra aus Plauen angereiste Cornelia Kunert, die die BSV-Spiele regelmäßig verfolgt.

Den Schlusspunkt der Partie setzte Laura Penzes buchstäblich in letzter Sekunde zum 27:21-Endstand. Penzes war zudem mit 7 Toren treffsicherste Akteurin des Abends. Sie gefiel durch ihre Beweglichkeit und ihr trickreiches Spiel, ähnlich wie schon gewohnt Kaho Nakayama, deren Bälle 6 mal den Weg ins Ziel fanden.

Nach dem Sieg gegen einen sehr guten Gegner und dem kraftraubenden Trainingslager und der Intensität mit vielen Spielen innerhalb weniger Tage zeigte sich Chefcoach Rentsch, dessen Handschrift ganz klar im Auftreten seiner Mannschaft zu erkennen war, durchaus zufrieden, auch wenn in den zwei Wochen bis zum Ligaauftakt in Oldenburg noch an kleinen Stellschrauben gedreht wird: „Mit dem Angriffsspiel war ich zufrieden, aber manchmal wollen wir noch zu schön spielen“. Angesprochen auf die Situation des von der Insolvenz bedrohten amtierenden deutschen Meisters sah er die Dinge pragmatisch. Dass sich jetzt Konkurrenten mit Spielerinnen des einstigen Ligakrösus verstärken, müsse man hinnehmen und dürfe sich nicht verrückt machen lassen. Man müsse seine eigene Leistung abrufen, dann sollte auch etwas möglich sein. Fan Mario Pohlers sieht es ähnlich: „Ich blicke ohne jede Häme nach Ludwigsburg. Wichtig ist vor allen Dingen, dass wir auch ein gutes Verhältnis unter den Vereinen in Sachsen pflegen. Die finanziellen Vorgaben lassen leider nicht viel zu, aber wir tun gut daran, uns nicht zu übernehmen“. Dabei drückt er in der kommenden Saison auch, wie viele andere BSV-Fans, den Leipzigerinnen die Daumen für eine erfolgreiche Zweitligasaison. „Mannschaftsintern haben wir es besprochen. Wir möchten einen der ersten drei Plätze belegen, am liebsten aber natürlich aufsteigen“, gab Marlene Tucholke das angestrebte Saisonziel preis. Neben ihren Toren und den Treffern der im Testspiel überzeugenden Pauline Uhlmann kann sicherlich auch Janine Fleischer, die eine Klasseleistung zwischen den Pfosten zeigte, dazu beitragen.

Der Vergleich mit dem HCL brachte für jeden in der Halle wichtige Erkenntnisse oder auch besondere Emotionen. Die ehemalige BSV-Kapitänin Simona Madjovska stellte fest: „Es ist schon ein komisches Gefühl, das Spiel von der Tribüne aus zu verfolgen. Für mich ist das jetzt komplett anders. Von außen sieht man die Lücken und Anspielmöglichkeiten viel besser, als wenn man selbst mitspielt“. Aber der Auftritt ihres BSV stimmte sie wie die Fans zuversichtlich für eine erfolgreiche neue Saison.


BSV: Györi, Sieg; Szabo 3/, Gierga, Kähr 3, Petersen 2, Walkowiak 5, Hasselbusch, Penzes 7/2, Nakayama 6, Severink 1, Reuter

HCL: Fleischer, Richter; Uhlmann 4/1, Seidel 3, Walther 2/1, Lang 1, Peter, Gaubatz 2, Klocke 2, Glimm 3, Tucholke 3, Tauchmann, Meyer 1

Siebenmeter: Zwickau 3/3, Leipzig 2/2

Zeitstrafen: Zwickau 3, Leipzig 2

Text: Jörg Ungethüm