Die Körpersprache auf dem Weg zum obligatorischen Interview mit den Trainern noch in der Halle verriet Norman Rentschs Gemütslage in diesem Moment wenige Minuten nach Ertönen der Schlusssirene.
Sichtlich schwer fiel ihm dieser Gang. Enttäuschung schwang in seiner Stimme, als er zerknirscht feststellte: „Seit Dezember haben wir viermal mit einem Tor Unterschied verloren.“ Dabei machte er seiner Mannschaft keinen Vorwurf: „Wir haben alles gegeben und trotz mehrerer schwerer Blessuren gut gekämpft.“ Dass es nur gemeinsam geht, belegten seine weiteren Aussagen: „Wir müssen uns hinterfragen. Wir müssen uns mannschaftlich weiterentwickeln. Der Reifeprozess ist noch nicht abgeschlossen. Wir müssen irgendwann liefern.“ Zum „wir“ trugen die meisten der erneut mit 1.143 Zuschauern gut gefüllten Sparkassen-Arena bei, sofern sie die Daumen für die Gastgeberinnen drückten.
Bereits nach 36 Sekunden brachte Teresa von Prittwitz Buxtehude in Führung, als sie über links außen völlig frei zum Abschluss kam. Im Gegenzug sorgte Charlotte Kähr gegen ihre ehemaligen Teamkolleginnen für den Ausgleich. Es entwickelte sich ein offener Schlagabtausch mit Torerfolgen auf beiden Seiten. Vor dem 3:3 setzte Kaho Nakayama mit einem spektakulären Anspiel Zoe Stens ins Szene, ehe Kähr mit einem Hüftwurf, der vom Innenpfosten ins Tor sprang, zur erstmaligen Zwickauer Führung traf. Das Bemühen, schnell zu spielen, gepaart mit einer positiven Körpersprache vermittelte den deutlichen Eindruck, die unglückliche Niederlage drei Tage zuvor in Halle vergessen zu machen.
Allerdings folgten die Minuten von Anika Hampel, die mit einem Dreierpack Buxtehude mit 6:4 in Front brachte, dabei zweimal sicher von der Siebenmeterlinie, einmal mit einem „frechen“ Heber. Im weiteren Verlauf des Spiels trat Hampel noch weitere viermal zum Strafwurf an. Alle ihre Versuche fanden den Weg ins Netz.
Als Johanna Andresen in der 11. Minute in der Abwehr zu ungestüm agierte, schickten sie die Unparteiischen für zwei Minuten auf die Bank. Den zudem fälligen Siebenmeter verwandelte Silje Bröns Petersen, die kurz darauf nach einer Parade von Thara Sieg deren Pass aufnahm und zum 7:7-Ausgleich ins verlassene Buxtehuder Tor traf. Zwickau versuchte es mit einer kompakten Deckung, meist im 6:0-Verbund. Die Abwehrkanten Szabo, Stens, Kähr und Viktoria Hasselbusch stellten quasi einen massiven erweiterten Innenblock. Fast wäre die erneute Führung gelungen, doch nach einem eigenen Ballgewinn wurde Rome Steverink sofort von einer Gegenspielerin gestellt und ein Missverständnis mit Sieg beim geplanten Abspiel brachte das Streitobjekt wieder in die Hände der Gäste. Durch zwei weitere Siebenmetertreffer zogen diese nach einer Viertelstunde auf 10:8 davon. Der Spielstand pegelte sich zunächst auf ein bis zwei Tore Rückstand aus Sicht der Hausherrinnen ein. Beim Stand von 10:12 nahm Rentsch die erste Auszeit nach 18 Minuten. Kurz darauf beharkten gleich drei gegnerische Akteurinnen Laura Szabo am Kreis, wobei ein Arm die Kapitänin im Gesicht traf. Das Schiedsrichtergespann beließ es bei einer Freiwurfentscheidung. Das Spiel wurde nun hektischer. Steverink schloss einen Konter souverän zum 12:13 ab. Danach unterlief den Westsächsinnen ein leichtfertiger Ballverlust. Eine Parade von Sieg sorgte für das neuerliche Angriffsrecht. Doch wiederum wurde die Aktion zu kompliziert vorgetragen, was Buxtehude erneut in Ballbesitz brachte. Sieg wurde immer stärker und wehrte einen abgefälschten Wurfversuch spektakulär mit dem Fuß ab, obwohl sie bereits in die andere Ecke unterwegs war. Nach einer zweiten Strafzeit gegen Andresen stellte die niederländische Auswahlspielerin Isa Ternede in Unterzahl mit ihrem Wurf zum 16:13 erstmals einen Drei-Tore-Vorsprung her. Als nach einem Zwickauer Angriff Silje Bröns Petersen unter Schmerzen am gegnerischen Kreis liegenblieb, entging dies den Schiedsrichtern, die weiterlaufen ließen und erst nach lautstarken Protesten von den Rängen eine Spielunterbrechung veranlassten. Eine erstmalige Führung mit vier Toren konnte Julia Niewiadomska kontern. Doch nach einer Buxtehuder Auszeit in der 29. Minute sorgte ein Doppelschlag durch von Prittwitz für die 20:15-Halbzeitführung, wobei ein zwischenzeitlicher Pfostentreffer von Hampel vor noch schlimmerem Ungemach bewahrte.
In der Halbzeitpause ging die derzeit verletzte etatmäßige Stammtorhüterin Barbara Györi auf ihre Vertreterin Thara Sieg zu, gab ihr Tipps und sprach ihr Mut zu, was sich in Hälfte zwei auszahlen sollte.
Der klare Pausenrückstand streute erhebliche Zweifel, ob heute noch etwas zu holen sei. Aber die Sachsen kamen hoch motiviert aus der Kabine zurück. Ein Lupfer von Steverink und ein Treffer von Viktoria Hasselbusch sorgten für das 17:20. Die Angriffe von Buxtehude wurden nun ungenauer oder sichere Beute der immer stärker werdenden Sieg. Den Glaube an die eigene Chance symbolisierte der Treffer zum 19:22, als sich Kaho Nakayama unter höchster Bedrängnis nicht die Butter vom Brot nehmen ließ und mit unbedingtem Willen verwandelte. Julia Niewiadomskas 20:22 zwang Nicolaj Andersson zu einer sehr frühen Auszeit im zweiten Durchgang. Als Zwickau durch die selbst von zwei Gegenspielerinnen nicht zu stoppende Hasselbusch, die trotz zweier Pfostentreffer unbeirrt weiter aufspielende Steverink und Kähr drei Mal in Folge einnetzte, und es plötzlich 24:24 hieß, kochte die Sparkassen-Arena und der Glaube an einen erfolgreichen Abend erwachte zum Leben. Dass danach mehr als viereinhalb Minuten kein weiterer Torerfolg gelingen sollte, ließ nichts Gutes erahnen. Bröns Petersen, in Halle mit 14 Treffern noch überragende Schützin, kam das Wurfglück abhanden. Selbst einen Siebenmeter setzte sie recht deutlich am Torangel vorbei. So zogen die Norddeutschen, die jetzt wieder stabiler wirkten, auf 28:24 davon, dabei auch mit einem Treffer ins an diesem Tag nicht so häufig praktizierte, aber immer nicht ganz unumstrittene, „empty goal“. Während Nakayamas Versuch im Netz zappelte, scheiterten Hasselbusch am Pfosten und Niewiadomska mit einem Hüftwurf. In Minute 53 erhielt Zwickau nochmals die Gelegenheit, zwei Minuten in Überzahl zu agieren, nachdem Zoe Stens von Lin Lück unsanft von den Beinen geholt wurde. Nakayama und Bröns Petersen verkürzten auf 27:29. Seiner zweiten Auszeit ließ Norman Rentsch nach einem Pfostentreffer mit noch 2:51 Minuten auf der Uhr seine letzte Möglichkeit dieser Einflussnahme folgen. Steverinks Wurf sprang vom Innenpfosten zum 28:29 ins Tor. Auf der Gegenseite hämmerte Isabelle Dölle mit Anbruch der letzten Spielminute einen Sprungwurf zum 31:29 ins Gehäuse. 25 Sekunden vor dem Ende keimte beim Stand von 30:31 durch Niewiadomska Hoffnung auf zumindest einen Punktgewinn auf. Zwickau ging nun zu einer „Manndeckung“ über. Gäste-Coach Andersson nahm clever fünf Sekunden vor der Sirene seine letzte Auszeit. So blieb es schlussendlich beim knappen Auswärtssieg für den Buxtehuder Sportverein.
Nicolaj Andersson, älterer Bruder des dänischen Weltmeisters Lasse Andersson, freute sich über die gewonnenen Punkte: „Wir haben seit zwei Monaten gelernt zu siegen. Es war schwer, in dieser lauten Halle zu bestehen, da man nur schwer kommunizieren kann.“ Er sah sich in seinem Matchplan bestätigt, monierte dennoch zu viele technische Fehlers seines Teams.
Anika Hampel, Spielerin des Spiels für die Gäste, betonte, dass es das erwartet kampfbetonte Spiel war und unterstrich ihren Stolz auf die Leistung der Mannschaft.
Die Wahl als MVP für Zwickau fiel auf Rome Steverink, die den Fans für die tolle Unterstützung dankte. Traurig stellte sie fest: „Vielleicht waren wir manchmal nicht genug fokussiert.“ Tatsächlich fiel im Verlauf der Partie auf, dass manchmal Entscheidungen, gerade für Abspiele, verzögert getroffen wurden und beim Gegner der ein oder andere Vorteil in der Schnelligkeit lag.
Die Pause bis zum nächsten Heimspiel am 25. März gegen Oldenburg gibt Gelegenheit, das Geschehene aufzuarbeiten, einige Verletzungen auszuheilen und hoffentlich den Weg in die Erfolgsspur zu finden.
BSV Sachsen Zwickau: Sieg, Curth; Szabo 1, Gierga, Bröns Petersen 5/1, Kähr 4, Walkowiak, Hasselbusch 2, Penzes 1, Niewiadomska 3, Nakayama 6, Stens 1, Reuter, Steverink 7
Buxtehuder SV: Kaminska, Linder; Nielsen 5, Mittag, Frey, Hampel 9/6, Dölle 6, Andresen 1, Kaufmann, von Prittwitz 4, Ternede 6, Senel, Huhnstock, Lück
Siebenmeter: Zwickau 1/2, Buxtehude 6/6
Zeitstrafen: Zwickau keine, Buxtehude 3
Schiedsrichter: Lukas Müller, Robert Müller
Zuschauer: 1.143 (Sparkassen-Arena Zwickau)
Text: Jörg Ungethüm
Fotos: (C) Marko Unger












