Nach zuletzt spielerisch ansprechenden Heimauftritten hoffte man beim BSV Sachsen Zwickau, erneut einen Favoriten zu ärgern. Doch die Gäste von der HSG Bensheim-Auerbach waren auf der Hut. Fielen im Hinspiel noch sagenhafte 81 Tore, warnte HSG-Trainerin Ilka Fickinger im Vorfeld der Begegnung auf der vereinseigenen Homepage vor den Stärken der Gastgeberinnen.

Nach dem Hinrundenspiel in eigener Halle war sie trotz zweier gewonnener Punkte mit der Abwehrleistung ihres Teams überhaupt nicht einverstanden. „Aufgrund des Hinspiels war es heute Ziel, eine stabile Abwehr zu stellen“, meinte die Chefin an der Seitenlinie dann nach Spielende. „Mir gefielen heute Bereitschaft und Engagement, mit einer 5:1-Abwehr die 7:6-Angriffe der Zwickauerinnen zu verteidigen.“ Die wie schon in der vorangegangenen Partie beider Kontrahenten zur MVP gewählten Nina Engel, diesmal mit 11 Toren erneut überaus treffsicher, unterstrich: „Wir haben uns die die ganze Woche auf das 7:6 vorbereitet. Die Umsetzung ist uns gut gelungen.“ Gerade dieses nicht unumstrittene Agieren mit einer zusätzlichen Feldspielerin zu Lasten eines leeren Tores („empty goal“) bereitete einigen Gegnern der Westsächsinnen Schwierigkeiten. Dass die Südhessinnen den Fokus richtig gesetzt hatten, bewiesen sie während der 60 Minuten in der Sparkassen-Arena.

Zunächst starteten die BSV-Mädels gut in die Partie. Bereits nach 30 Sekunden ließ die nach ihrer Verletzung wieder in die Mannschaft zurückgekehrte Charlotte Kähr den Ball zum ersten Mal im Netz zappeln. Es sollte an diesem Tag die einzige Führung für die Gastgeberinnen bleiben. Innerhalb von fünf Minuten stellte die HSG auf 5:1, vor allem dank schnell vorgetragener Tempogegenstöße und des Erkämpfens „zweiter Bälle“. Vanessa Fehr im Tor der Gäste zeigte mehrere Paraden und im BSV-Angriff fehlte zudem das Wurfglück. Die aggressive Abwehr der Flames, phasenweise sogar 4:2, zwang die Hausherrinnen immer wieder zu Fehlabspielen und technischen Fehlern. Hätte die gewohnt starke Barbara Györi nicht ihrerseits einige Chancen vereitelt, wäre Bensheim bereits zu diesem Zeitpunkt weiter enteilt. Silje Bröns Petersen verkürzte zwar zunächst per Siebenmeter, doch nachdem Matilda Ehlert den alten Abstand wieder hergestellt hatte, zog BSV-Chefcoach Norman Rentsch eine frühe erste Auszeit in der 9. Spielminute. Zwickau agierte nach 10 Minuten erstmals mit einer zusätzlichen Feldspielerin im Angriff und ließ das eigene Gehäuse verwaisen. Prompt gelang Rome Steverink über Rechtsaußen das 5:9. Nach einem Ballgewinn in der Abwehr, die an diesem Abend allerdings insgesamt nicht so griffig wirkte wie in den Partien zuvor, verhinderte ein ungenauer weiter Pass in die Arme der Gegnerinnen eine weitere Verkürzung des Rückstandes. Zwickau probierte viel. Nach einer erneuten Parade von Györi war es Laura Penzes, die die HSG-Abwehr „auswackelte“ und das 6:9 markierte. Als in der 15. Minute das Schiedsrichtergespann Neele Orth nach einem Foul an Kaho Nakayama für zwei Minuten auf die Bank schickte, agierte Bensheim erstmals mit dem empty goal, um eine Gleichzahl von Spielerinnen im Angriff zu erreichen. Nachdem Amelie Schmelzer in die Zange genommen wurde, verwandelte Jule Polsz den fälligen Strafwurf zur 11:7-Führung. 

Lucie-Marie Kretschmar mit einem astreinen Kempa-Trick, Linkshänderin Engel und erneut Kretzschmar schraubten das Resultat auf 14:7. Für den BSV wollte der Ball einfach nicht ins Tor. Laura Szabo scheiterte an der Lattenunterkante, Charlotte Kähr am Innenpfosten und wiederum Szabo aus Nahdistanz an Fehr. Dazu kam ein neuerlicher Ballverlust. Norman Rentsch gefiel nicht, was er in der Abwehrarbeit seiner Schützlinge sah. „Du musst aktiver werden“, schimpfte er von draußen.

Die Durchschlagskraft im Angriff fehlte beim BSV, wie auch das Rückzugsverhalten, gerade nach Ballverlusten, gegen die pfeilschnellen HSG-Spielerinnen zu langsam schien. Hätten die Bensheimer Frauen nicht auch selbst aussichtsreiche Gelegenheiten liegengelassen, in dem sie nur das Gebälk trafen oder an Györi scheiterten beziehungsweise wie im Fall von Fehr bei einem weiten Versuch das leere Tor verfehlten, wäre nicht nur eine 19:12-Gästeführung zur Halbzeit auf der Anzeigetafel erschienen, die Jule Polsz zwei Sekunden vor der Pausensirene diesmal erfolgreich aus der Distanz manifestierte.

Bereits zu diesem Zeitpunkt waren sich viele einheimische Fans einig, dass es „heute nichts mehr wird“. Dennoch brach der Support für das Team nicht ab, was Norman Rentsch nach Spielende hervorhob: „Ich danke den Zuschauern für die Unterstützung.“

Der Auftakt in Hälfte zwei verlief zunächst gut. Einer Parade von Györi gegen Schmelzer folgte auf der Gegenseite ein Siebenmetertreffer von Bröns Petersen zum 13:19. Die Flames legten mit drei Treffern durch Polsz von der Strafwurflinie, Schmelzer auf das leere Tor und Kretzschmar nach und verdeutlichten unmissverständlich, welche Richtung die heutige Partie nehmen würde. Dass es ein gebrauchter Tag der Zwickauerinnen war, verdeutlichte der Wurf von Schmelzer, als fast schon slapstickartig zunächst Nakayama unter dem Ball hindurchsprang und die ins Gehäuse eilende Györi am Ball vorbeigriff.

Kurze Zeit darauf wechselten beide Teams ihre Torfrauen. Thara Sieg ersetzte die sonst auch an diesem Tag starke Györi und bei den Flames Helen van Beurden die Nationalspielerin der Demokratischen Republik Kongo Vanessa Fehr, die zuvor verschiedene Nachwuchsauswahlmannschaften Deutschlands durchlaufen hatte. Sieg führte sich sofort mit einer reaktionsschnellen Fußabwehr gut ein. Im weiteren Verlauf des Spiels konnte sie sich noch mehrfach auszeichnen und bewies, dass sie ein starker Backup für Györi ist. Man kann dem BSV sicher nicht vorwerfen, nicht viel versucht zu haben. In der Abwehr wurden verschiedene Varianten probiert. Die sprunggewaltige Scharfschützin Engel wurde zunächst von Laura Penzes und später durch Jasmina Gierga 1:1 gedeckt. Im Angriff setzte Nakayama ein Highlight als sie den Ball im Sprung von rechts in ihre linke Wurfhand legte und mit überlegtem Heber über die Torfrau zum 16:24 abschloss. Insgesamt sammelten die Zwickauerinnen aber zu viele Fehlwürfe, um ernsthaft Druck auf den Tabellendritten, der in dieser Saison als bisher einziges Team Tabellenführer Dortmund schlug, ausüben zu können. Viktoria Hasselbusch hechtete nach einem zweiten Ball, Sieg fing einen Versuch auf das leere Tor ab, aber Kähr kassierte auch ihre zweite Zeitstrafe. Nach einer Dreiviertelstunde und der zweiten Zwickauer Auszeit durfte Jasmina Gierga ran. Im Angriff wurden nun unterschiedliche Varianten mit Positionswechseln ausprobiert. Gierga versuchte, das Spiel engagiert und geschickt zu dirigieren, aber die HSG machte die Räume clever eng. In der 47. Minute war es Engel vorbehalten, den Vorsprung erstmals auf 10 Tore auszubauen, als sie das 28:18 markierte. Kurz darauf zog Rentsch seine letzte verbliebene Auszeit. 

Im Vorgefühl des sicheren Sieges leisteten sich die Bensheimerinnen vermeidbare Aussetzer, wie Mia Ziercke, die nach einem Steal praktisch unbedrängt beim Wurf auf das leere Tor den Ball an die Latte nagelte. In der weiteren Folge zogen die Flames durch vermeintlich leichte Treffer weiter davon und münzten auch mehrere Würfe auf das verlassene Tor in Zählbares um. Zwischen Minute 49 und 54 gelang dem Heimteam kein eigener Treffer. Lücken in der BSV-Deckung nutzten die Gäste nicht immer konsequent oder scheiterten an Sieg, die mehrere schöne Paraden zeigte, und ihre Vorderleute vor noch schlimmerem Ungemach bewahrte. Immerhin durfte Julia Niewiadomska nach überstandener Verletzung genau wie Lea-Sophie Walkowiak noch einige Minuten Spielpraxis sammeln. Kurios eine Szene drei Minuten vor dem Ende bei einer Bensheimer Auszeit, als der sichtlich enttäuschte Rentsch ob des deutlichen Rückstandes darauf verzichtete, das Wort an seine BSV-Mädels zu richten. Die Messen waren gelesen. Die Flames versuchten einen weiteren Kempa-Trick, der aber dieses Mal komplett in die Hose ging, Penzes verkürzte willensstark unter ärgster Bedrängnis zum 22:36. Dass die einsatzstarke Zoe Stens einen Siebenmeter in der Schlussminute an den Pfosten setzte, war ein Spiegelbild ihres fehlenden Wurfglücks. So blieb das zuvor von Ziercke erzielte 37:22 der Endstand in einer einseitigen Begegnung. Es war die neunte Niederlage im zehnten Aufeinandertreffen mit den Flames. Vor allem die 15 Tore minus schmerzen mit Blick auf die Tordifferenz aller Teams in der Tabelle.

Unmittelbar nach Spielende haderte Rentsch mit der Leistung seines Teams: „Wir sind im Angriff nicht in die Tiefe gekommen. Dazu kamen zu viele technische Fehler. Wir haben gleich zu Beginn fünf Tempogegenstöße bekommen. Das Spiel müssen wir aufarbeiten. Die nächsten Gegner sind wichtig.“ In der Tabelle schiebt sich alles zusammen, sowohl im Mittelfeld als auch in der Playdown-Zone. „Es war heute ein herber Dämpfer. Es geht nicht alles automatisch. Wir müssen jetzt im Training nächste Woche gut vorankommen.“


Die nach ihrem überzeugenden 25-minütigen Auftritt als Zwickauer MVP gewählte Sieg stellte zwar ebenfalls fest, dass zu viele Bälle verloren gingen, aber betonte auch, dass man die Klasse von Bensheim anerkennen müsse. Immerhin stehen für die Flames zahlreiche aktuelle und ehemalige Nationalspielerinnen auf der Platte, was man nicht vergessen darf.

BSV Sachsen Zwickau: Györi, Sieg; Szabo 2, Gierga, Bröns Petersen 7/5, Kähr 1, Walkowiak, Hasselbusch 4, Penzes 4, Niewiadomska, Nakayama 3, Stens, Steverink 1

HSG Bensheim-Auerbach: Fehr, van Beurden; Berger 4, Engel 11, Degenhardt 2, Ehlert 2, Wenzel, Schmelzer 2, Orth 1, Kretzschmar 6, Ziercke 4, Polsz 5/3

Siebenmeter: Zwickau 5/6, Bensheim-Auerbach 3/4

Zeitstrafen: Zwickau 2, Bensheim-Auerbach 3

Schiedsrichter: Maximilian Engeln, Felix Schmitz

Zuschauer: 1.114 (Sparkassen-Arena Zwickau)

Text: Jörg Ungethüm

Fotos: (C) Marko Unger