Im ersten Spiel nach der WM-Pause geriet der Favorit im mitteldeutschen Derby gehörig ins Wanken, doch gefallen ist er nicht. Waren die bisherigen neun Duelle in der Bundesliga gegen den Thüringer HC mehr oder minder sichere Beute des amtierenden European-League-Gewinners, wo man froh war, die Höhe der Niederlage zu begrenzen, standen die Vorzeichen diesmal etwas anders. Aus zuletzt zwei Siegen in Folge schöpften die Gastgeberinnen Selbstvertrauen. Der als Mitfavorit um den Titel gehandelte THC startete doch etwas holprig in die Saison und ließ bereits sieben Punkte, davon einige durchaus überraschend, liegen.
Schwer wiegt zudem der Ausfall der mit einer Fußverletzung längerfristig fehlenden Johanna Reichert, Torschützenkönigin und Spielerin der Saison in der abgelaufenen Spielzeit. „Wir müssen jetzt die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilen. Es ist ja auch eine neue Spielerin da. Natürlich benötigen wir noch ein paar Trainings, um die Abläufe zu optimieren“, meinte die nach der Partie als MVP der Gastmannschaft gewählte Csenge Kuczora. Den Teamgeist der Niederösterreicherin unterstrich sie dabei besonders: „Johanna war da und saß direkt hinter unserer Bank“.
Der BSV startete mit viel Elan in die Begegnung, doch ein erster verdeckter Hüftwurf nach 43 Sekunden durch Silje Brons Petersen fand nicht den Weg ins Tor. Kurz darauf eröffnete Jana Scheib den Torreigen für die Gäste. Weitere schnelle Treffer innerhalb von nur 22 Sekunden durch Charlotte Kähr und Csenge Kuczora sorgten für das 1:2. Wiederum Kuczora erhöhte, ehe Laura Szabo und Kaho Nakayama auf 3:3 stellten. Die Gelegenheit zur erstmaligen Führung für die Zwickauerinnen ließ Brons Petersen in aussichtsreicher Position liegen. Kuczora nutzte zwei Minuten später nach Paraden beider Torhüterinnen einen Strafwurf zur 5:4-Führung des THC. Anna Szabo erhöhte nach einem Ballverlust durch technischen Fehler des BSV auf 6:4. Sie war es auch, die in Minute 18 mit dem 9:6 zu einer erstmaligen Drei-Tore-Führung einnetzte und dabei einen erneuten Ballverlust in der Offensive bestrafte. Der THC agierte mit dem empty goal, was in den vergangenen Spielen eher das taktische Mittel der Muldestädterinnen war, die ihrerseits auf eine offensive 5:1-Deckung setzten. Heimcoach Norman Rentsch nahm die erste Auszeit. Nach dieser agierten auch die Gastgeberinnen mit der Empty-Goal-Option. Nachdem Laura Szabo sich am Kreis durchsetzte und das 7:9 markierte, gelang dem kurzfristig verpflichteten „Reichert-Ersatz“ Kelly de Abreu Rosa ihr Premierentreffer in der Handball-Bundesliga. Die 21-jährige brasilianische Nationalspielerin, unlängst bei der WM im Einsatz, warf das 10:7. Nach einem Ballgewinn verkürzte Rome Steverink auf 9:10. Der BSV nutzte munter verschiedene Wechseloptionen zwischen Abwehr und Angriff und strahlte Überzeugung aus. Jetzt rief auch Gästecoach Herbert Müller seine Frauen zu einer Auszeit.
Zwickau ließ den Ball schnell laufen, doch Zoe Stens vergab die Möglichkeit zum 10:10-Ausgleich. Die nächste Gelegenheit bot sich Laura Penzes, die nach einem Ballgewinn in der Abwehr mit einem weiten Wurfversuch das leere Gehäuse des THC knapp verfehlte. Besser machte sie es wenig später, als sie einen Siebenmeter sicher zum 10:11 in Zählbares ummünzte. Beide Teams zeigten gute Abwehrleistungen. Unter drohendem Ballverlust wegen passiven Spiels wurde ein BSV-Wurfversuch geblockt und Anna Szabo erhöhte im Tempogegenstoß auf 13:10. Zweimal nutzte die Thüringerinnen den eigenen Ballbesitz um ins verwaiste Zwickauer Tor zu treffen. So zogen sie bei einer 17:12-Führung erstmals auf 5 Tore davon. Tore von Kaho Nakayama und Charlotte Kähr sowie zwei Paraden von Barbara Györi sorgten dafür, dass es „nur“ mit einem 14:17 in die Kabinen ging.
Der zweite Durchgang begann mit einem Schreckmoment für den BSV. Kaho Nakayama musste nach einer harten Abwehraktion ihrer Gegnerin mit Schmerzen am Wurfarm vom Feld geführt werden. Am Kreis wurde Laura Szabo teilweise von drei Gegnerinnen gleichzeitig beharkt. Nachdem die Gäste eine vielversprechende Torchance nicht nutzten, brachte Rome Steverink die Hausherrinnen in Minute 37 mit ihrem Treffer zum 18:20 wieder auf nur zwei Tore Rückstand heran. Der mit insgesamt 11 Paraden wieder der gewohnt sichere Rückhalt Györi entschärfte einen Siebenmeter von Scheib. Einer folgenden Abwehraktion gegen Scheib folgte die erste Zweiminutenstrafe der Partie. Beide Teams spielten bis dahin zwar hart in der Abwehr, jedoch überwiegend fair. Nun mehrten sich aber unschöne Aktionen und kleine Nicklichkeiten. Daraus profitierte zunächst Laura Penzes, die einen Strafwurf zum 20:22 im Netz versenkte. Einen weiteren Siebenmeter für Zwickau keine Minute später verwandelte Silje Brons Petersen souverän gegen die nun im THC-Gehäuse aufgebotene Christina Lövgren Hallberg. Durch eine weitere harte Abwehraktion fing sich Anna Szabo eine Zeitstrafe ein, die der BSV durch abermals Brons Petersen zum 22:23-Anschluss nutzte und die Halle zum Kochen brachte. Es entwickelte sich eine rasante und spannende Schlussviertelstunde. Siebenmetertor THC, Tempogegenstoß nach Ballgewinn Penzes. Beim Stand von 25:26 aus Sicht der Westsächsinnen handelte sich Zoe Stens eine Zweiminutenstrafe ein. Nach einem Torerfolg von Rikke Hoffbeck Petersen und einer beherzten Aktion von Charlotte Kähr bei drohendem Zeitspiel verhinderte die Latte in aussichtsreicher Position, dass Luca Farago den Vorsprung in Überzahl auf zwei ausbaute. Daraufhin zog Rentsch eine weitere Auszeit. In Minute 52 kehrte Nakayama für die Crunchtime auf die Platte zurück.
Als Laura Szabo nach erneutem Torhüterinnenwechsel der Gäste das 28:29 erzielte und Jana Scheib für zwei Minuten auf die Bank geschickt wurde, schien die Überraschung greifbar. Nach einer Auszeit der Gäste war Györi einmal mehr auf dem Posten und mit einer superstarken Einzelaktion tanzte Brons Petersen die THC-Abwehr aus und vollstreckte zum 30:30-Ausgleich. Nun hielt es niemanden mehr auf den Sitzen. 1:18 Minuten vor der Schlusssirene nahm Zwickaus Coach beim 31:32 seine letzte Auszeit. Beim folgenden Zwickauer Angriff hoben die Unparteiischen die Hand, um passives Spiel zu signalisieren. Der BSV verlor den Ball nach einem Pass zu viel. Trainerfuchs Müller verschaffte seinem Team beim nächsten Angriff 24 Sekunden vor Ablauf der Uhr mit einer Auszeit Luft. Nach einer neuerlichen Parade von Györi verhinderte der unglücklich im Netz verfangene Ball bei verbliebenen fünf Sekunden einen möglichen letzten Angriff mit Wurfmöglichkeit. So durfte der THC letztendlich einen 32:31-Auswärtssieg bejubeln und froh sein, mit mehr als einem blauen Auge davongekommen zu sein. Die Zwickauerinnen dürfen sich daran aufrichten, zumindest die zweite Halbzeit isoliert betrachtet für sich entschieden zu haben. Dennoch bemerkte Charlotte Kähr, zum MVP des BSV gewählt, dass es sich gerade nicht gut anfühle, da keine Punkte dableiben. Csenge Kuczora hob das unglaubliche Publikum hervor. Immerhin 2516 Zuschauer hatten den Weg in die Sparkassen-Arena gefunden.
Nach der Partie verteilte THC-Coach Herbert Müller ein Kompliment an beide Mannschaften. Zufrieden zeigte er sich mit der ersten Hälfte seines Teams, war allerdings mit der Abwehrleistung und seinen Torhüterinnen in Hälfte zwei unzufrieden. Er hofft auf eine baldige Rückkehr seiner verletzten Spielerinnen, vor allem für das Abwehrzentrum.
Norman Rentsch, dessen Vertragsverlängerung bis 2029 am Rande der Partie verkündet wurde, räumte ein, natürlich erst einmal enttäuscht zu sein, wenn man so knapp verliert. Er sei stolz darauf, wie seine Mannschaft auch bei drei oder vier Toren Rückstand den Kopf oben behalten habe. „Wir wollten mit breiter Brust angreifen, und die begonnene Entwicklung ist sichtbar“, schätze er ein.
Dem pflichtete Kapitänin Laura Szabo bei, die sich über den Kampfgeist und den Einsatz wie auch viele spielerisch gelungene Aktionen ihres Teams freute. Aus dem Auftritt gegen den Thüringer HC zieht sie viel Hoffnung für die nächsten Aufgaben.
Es wartet ein umfangreiches Programm in den kommenden Wochen, wo für den BSV bei Anschluss an die zuletzt gezeigten Leistungen Punkte herausspringen sollten.
BSV: Györi, Sieg; L. Szabo 7, Gierga 1, Kähr 6, Brons Petersen 4/2, Walkowiak, Hasselbusch 2, Penzes 4/2, Niewiadomska, Nakayama 4, Zens 1, Reuter, Steverink 2
Thüringer HC: Kuske, Lövgren Hallberg; Hendrikse, Heider 3, Holm, Guariero 1, Farago 4, Scheib 5, Hoffbeck Petersen 2, Aizawa 2/1, Ott, A. Szabo 4, Alarslan, Kuczora 8/2, de Abreu Rosa 2
Siebenmeter: BSV 4/4, THC 3/4
Zeitstrafen: BSV 2, THC 2
Schiedsrichter: Hofmann, Krauße
Zuschauer: 2516 (Sparkassen-Arena Zwickau)
Text: Jörg Ungethüm
Fotos: (C) Marko Unger













