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Begeistert von den Frauen

05. April 2016  I  In der Presse

Als sich die Chance bot, ließ sich Andy Palm nicht lange bitten und übernahm beim Handball-Zweitligisten BSV Sachsen Zwickau den Trainerposten. Doch der Belgier erlebte nach den Anschlägen von Brüssel auch traurige Stunden.

Von Thomas Treptow
erschienen am 05.04.2016 in der Freien Presse

Zwickau. Die letzten Wochen und Tage wird Andy Palm in seinem Leben wohl nie vergessen. Turbulent ging es Anfang März los. Der Belgier, seit Sommer 2015 beim Handball-Zweitligisten BSV Sachsen Zwickau, übernahm vom glücklosen Karsten Knöfler das Training der ersten Mannschaft. Der Einstand gelang mit einem nervenaufreibenden Sieg gegen Werder Bremen: "Es ist gut gegangen, aber ich war komplett nassgeschwitzt", erzählt Andy Palm, der danach mit dem BSV eine Niederlage beim Tabellenvierten in Herrenberg kassierte. Keine rauschende Premiere, aber in Ordnung.
Zehn Tage später detonierten in Brüssel, der Hauptstadt seines Heimatlandes, Bomben. "Für mich war es zunächst weiter weg. Aber als ich erfuhr, dass ich die tote Frau und ihren verletzten Mann aus Aachen kenne - ich habe das Mädchen sogar ein Jahr bei Schwarz-Rot Aachen trainiert -, war es plötzlich ganz nah. Da geht es einem eiskalt den Rücken herunter", erinnert sich Andy Palm an traurige Stunden, in denen der Sport komplett in den Hintergrund trat. "Wenn ich richtig informiert bin, waren die beiden auf Hochzeitsreise", sagt er mit belegter Stimme. Umgehend fuhr der 28-Jährige damals nach Hause. Glücklicherweise ging es Verwandten und Bekannten gut. "Und danach hatte ich wieder den Handball, in der Halle kann ich abschalten."
Andy Palm stammt aus Ostbelgien, aus Eynatten. Das Dorf liegt nahe der Grenze in einer deutschsprachigen Gegend. Als kleines Kind hielt er das erste Mal den geharzten Ball in der Hand. "Ich hatte Asthma und der Arzt meinte, Fußball wäre nicht so optimal. In der Halle ist es eben wärmer", erzählt der Schwarzschopf und lächelt. Wärmer schon, aber längst nicht kuschelig - Handball zählt zu den härtesten Mannschaftssportarten der Welt.
In Jugendjahren gewann Andy Palm mit seinem Team, in dem er in der Mitte oder auf Außen spielte, mehrfach die belgische Meisterschaft und schaffte den Sprung in die Nationalmannschaft. Mit 17 Jahren wechselte er in die Niederlande, erste Erfahrungen im Trainerbereich inklusive. In Dänemark unterschrieb der junge Mann einen ersten Profivertrag, allerdings bremste ihn eine schwere Handverletzung aus. Abrupt ging die Spielerkarriere bereits mit knapp 20 Jahren zu Ende.
Die Arbeit als Coach nahm mit einem besonderen Kick aber Fahrt auf: "Ich konnte mir lange nicht vorstellen, Frauen zu trainieren. Aber in Dänemark habe ich ein Spiel gesehen, welches mich total begeistert hat", sagt Andy Palm, der auch Französisch, Englisch, Niederländisch und Dänisch spricht. Und sprechen beziehungsweise zuhören ist wichtig, besonders bei Frauen, meint der Belgier: "Männer kommen zum Training und legen los. Frauen kommen zum Training und reden erstmal miteinander."
Nach verschiedenen Stationen im Jugendbereich, wo er meist, aber nicht nur junge Damen betreute, sowie einem Praktikum bei der Frauen-Nationalmannschaft in Indien, dem Geburtsland seiner Mutter, kam Andy Palm nach Deutschland. Nach Aachen arbeitete er beim TV Weiden, in dieser Zeit erwarb er auch die A-Lizenz, und schließlich unterschrieb er als Trainer der zweiten Mannschaft beim BSV Sachsen. Zudem betreut er die B-Jugend des Vereins und die Perspektivkader.
"Meine freie Zeit nutze ich, um zu meiner Freundin Vera nach Aachen zu fahren. Sie schreibt dort ihre Doktorarbeit. Oft bin ich aber auch an sieben Tagen in der Woche in der Halle", erzählt Andy Palm, der sich vor gut einem Monat nicht lange bitten ließ. Als der BSV nach einer Serie von mehreren sieglosen Spielen der Abstiegszone bedrohlich nahe kam und bei ihm anklopfte, packte er die Chance beim Schopf: "Ich bin ja noch Interimstrainer und erhalte vom Verein viel Hilfestellung. Aber ich könnte mir sehr gut vorstellen, nächstes Jahr weiterzumachen", sagt Andy Palm. "Ich kann in Zwickau Erfahrungen sammeln, noch einiges lernen und hoffe, dass ich das Vertrauen rechtfertige."
Die Westsächsinnen, die zuletzt Trier bezwungen haben, rangieren in der Tabelle auf dem 10. Rang. Vier von 16 Teams müssen absteigen, da jedoch Koblenz/Weibern keine Lizenz für die neue Zweitligasaison beantragt und sich die Füchse Berlin aus der Bundes- in die dritte Liga zurückziehen, steigen nur zwei Mannschaften ab. Geht auch noch Mainz-Bretzenheim freiwillig runter, dann muss sogar nur ein Team in den sauren Apfel beißen. "Da habe ich etwas anderes gehört. Mainz will es sich wohl noch einmal überlegen", sagt Andy Palm und fügt an: "Aber egal, wie es kommt. Mir ist es persönlich sehr wichtig, dass wir sportlich den Klassenerhalt aus eigener Kraft schaffen."
Dafür ist vor allem Selbstvertrauen nötig, welches der Neue seinen Spielerinnen eingeimpft hat. "Sie können immer zu mir kommen, zu jeder Zeit", sagt Andy Palm, der eine gute Kommunikation für wichtig und richtig hält. "Dafür kann ich schlecht abschalten", gibt er zu. Sagt es - und verabschiedet sich zur Videoanalyse. Turbulente Tage, aber auch traurige. Vor Kurzem verlor er einen Freund durch einen Unfall.



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19. November 2017  I  16:00 Uhr

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